_sammlung_

kraví hora, 602 00 brno

wir wachen auf mit gewitter. der erste regentag. auch in den büchern regnet es. das wasser sammelt sich auf dem flachdach draußen wie unterm schnell aufgebauten zelt im bett. komm, wir gehen auf den kuhberg, um ein picknick zu machen, sage ich, als der kleine allmählich wieder müde wird. um die weißen villen zu sehen (brünn ist ein zweites tel aviv), denke ich und spekuliere auf zwei stunden mamamußezeit. picknickpolizeiauto, sagt der kleine begeistert und holt seine schuhe, beide leben wir in unserer eigenen kompositawelt.
im übers pflaster dahinrüttelnden wagen übermannt den kleinen wie erwartet der schlaf. langsames bergaufgehen im weichen warmen sanften regen, der die aufzeichnungen durchtröpfelt, verdunstung und weiteres nasswerden halten sich die waage, nacken und nase treffen erfrischungsspritzer. in der schweren warmen luft ist jeder atemzug gehaltvoll wie nahrung. pilzbraun, hagebuttenrot, sanddornorange, plötzlich ist herbst, und früchte wie welke blätter fallen ins auge. äpfel, mirabellen, kürbisse, zucchini, nüsse, tomaten. ich sehe, rieche, schmecke. erntedank.
schwarze eichhörnchen klettern und rennen, eine schwarzweiße katze schmeichelt heran, schmiegt sich ans bein, weinbergschnecken ziehen gemächlich vorüber. nur kühe sehe ich keine.
ich gehe zum nám. míru, friedensplatz, wo wieder trolleys an der endhaltestelle stehen, dahinter eine kirche des funktionalismus, im regen liegt die assoziation tel aviv aber ohnehin fern. friedensplatz, und zugleich auch platz der welt, im slawischen dasselbe wort für welt und frieden, dagegen erde SEMLJA, tschechisch země.
kindheitserinnerungen, wie hier immerfort an allen ecken und enden, an der česka-haltestelle, wo man die hot dogs zu 14 kronen aus dem fenster reicht, beim softeislecken auf den spielplätzen, wo derselbe typ mädchen wie in ferienlagertagen, in turnschuhen und -hosen au chic tchèque, schlank, durchtrainiert, rundum braungebrannt, mit schulterlangem dunkelblondem haar, klettert und rutscht. beim hörnchen- und knödelessen, beim schrillen klingeln der straßenbahnen, beim allgegenwärtigen kleinen maulwurf, bei tady, proč, tak, ted', pomalu, pojd', halló, beim matrosengruß AHOJ, mit dem man hier sogar den kapitän am anderen ende des telefons begrüßt.
und als ich einen weißen kronkorken mit krone finde, bin ich wieder zehn und mit meinem bruder in prag, an den füßen neue dunkelblaue turnschuhe mit signalgelben streifen und doppeltem (!) klettverschluss, smarties aus bunten pappschächtelchen im mund, und in der hand die tüte mit der beständig erweiterten kronkorkensammlung, dem ehrgeizig und stolz behüteten schatz dieser leicht ins exotische verschobenen prager sommerwelt.

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Die Reise nach Brünn eine Reise in die Kindheit?
Immerzu erinnert mich hier irgendetwas an irgendetwas von früher - die Wege (zerrissener Asphalt) an die im Treptower Park (so schlecht zum Rollschuhlaufen, Rollerfahren, Puppenwagenschieben). In der Eckkneipe läuft Eishockey, und die kindliche Leidenschaft erwacht: Tschechoslowakei gegen Kanada, das eigene Spiel in den unendlich langen dunklen kalten Winterferien (drei Wochen!) auf der vom Hausmeister gespritzten Eisbahn vorm Haus, die Hände in den von festgefrorenen Eisklümpchen schweren Handschuhen, die rotgefrorenen Füße (mein Bruder brachte es immerhin zu einer Erfrierung ersten Grades), gegen Druckstellen und Blasen vorsorglich mit Verbänden umwickelt, das Vibrieren der Schläger beim Gegeneinander von Angreifer und Verteidiger. Zwischendrin, beim Gehen, vergesse ich immer wieder, dass die Leute hier nicht Deutsch sprechen, so vertraut ist alles, von früher, finde ich ein Zuhause wieder, das lange verloren ist, mit dem ganzen Wohlgefühl und dem nur ganz leichten Befremden, das sich einstellt, beim Durchwandern einer Traum-, einer Märchenwelt.