_nachbarn_

obilní trh 4, 602 00 brno

SCHULE
Fred has arrived
the evening is ending happily
I got a new pen from the stores
a new old pen
it started to write in the twenties
some of the people of the first manifestoes still live.
*

Blatný wohnte gleich um die Ecke, am Obilní trh (Getreidemarkt), seine Eltern müssen wirklich viel Geld gehabt haben (einen Teil davon rettete er 1948 ins Exil nach England), es ist eine der schönsten Gegenden, gerade alles frisch saniert, die Bauzäune versperren noch den Weg zwischen Straße und kleinem Park, silbrig glänzend in der Herbstsonne, der Springbrunnen plätschert, die große Wasserauffangschale läuft beständig über, auf den Bänken sitzen die Mütter mit Babytragen und Kinderwagen (die Geburtsklinik ist gleich nebenan), durch die spärlich belaubten Kastanien- und Nussbaumriesen leuchtet das Himmelsblau, die Kindergartenkinder, von signalgrünen Warnwesten umhüllt, schaukeln und drehen sich, schon vom Hingucken wird mir schwindlig, auf dem knallgelben Karussell, ihre hellen fröhlichen Rufe schleudern in alle Richtungen. Mittags ist es leer, leise, nur die Straßenbahn Linie 4, Richtung Úvoz (was für ein schönes Wort) klingelt und brummt. Nachmittags kommen die Väter dazu, die Großeltern, wird Bier aus der edlen Eckkneipe geholt, in großen Gläsern, Ausgabe ohne Coupon oder Pfand, auf den Wegen flitzen die kleinen Rad- und Tretrollerfahrer*innen, Fußballtore werden aufgebaut, und darüber schwebt, auch, der Geist von Blatný, der mit Kindern, glaube ich, überhaupt nichts anfangen konnte, könnte, vielleicht auch nicht mit dieser neuen jungen Bürgerlichkeit, die nicht bürgerlich ist, großbürgerlich, sondern arriviert sozialdemokratisch, aber das schließe ich nur aus seinen Gedichten, den wenigen, die ich hier gelesen habe, auf Deutsch, das heißt auch auf Englisch, aber eben nicht Tschechisch, denn er schrieb in einem Sprachenmix, Englisch, Tschechisch, Französisch, Deutsch. Durch und durch brünnerisch, diese Art des Umgangs mit Sprachen, eine Tradition, der ich, unfreiwillig, folgte, unfähig, mir auch nur die schlichtesten tschechischen Sätze, Fragen einzuprägen, ein paar Brocken zu sprechen (und was nützte es, bekäme ich doch Antworten auf Tschechisch, die ich nicht verstünde, sofort bricht hier ja ein Einheimischensprachwasserfall über einen herein, alles geborene Plauderer), stünde wieder wie ein begossener Sprachpudel da. Ja, hier lebte ich gern, in einem der rundum stehenden Häuser, mit Blick auf die goldene Kuppel der Kirche des Heiligen Václav (orthodox) und die Straßenbahnhaltestelle von Oskar Poříska, auch erst 2017 fertig rekonstruiert (allerdings ohne WC), die an ein winziges Schwimmbad denken lässt (beide Bauten, wie alles alte Neue hier, schönster mährischer Funktionalismus), mit, ich zähle auf, von Ecke zu Ecke, 550 Meter die Gorkého entlang, Gitarrenschule und Copyshop, Koloniál-Lebensmitteln, Rosebud-Blumengeschäft und Bäckerei Preclík, Café Falk und Akademická kavárna a vinotéka, thailändischem Restaurant und Pivnice U Čápa, Computerreparaturdienst (mit, klar, Mac-Lizenz), dem allerschönsten Kinderbuchladen Dlouha Puncocha (umwerfend schöne Auswahl tschechischer und polnischer Bücher plus nette Inhaberinnen und Kaffee), Alltagslebensmittelgeschäft und Konditorei Tutti Frutti, wo man auch sehr gutes Eis bekommt, Outdoorsportgeschäft, Café Anděl und Steiner (für alle, die Neues zur Architektur lieben), Schuhreparaturdienst, Teehaus und Laufsportgeschäft. Und in den angrenzenden Straßen, Jiráskova, Čápkova, Arne Novaka, Jana Uhra, Jaselská, Grohova, diesem etwas schiefen Tortenstück, begrenzt von Úvoz, Udolní, Veveří, findet sich alles, und mehr, was man, ich zum Leben brauchte, dazu die Philosophische Fakultät der Universität mit klostergartenzitierendem Campus und vierstöckiger Bibliothek, das etwas skurrile Begegnungszentrum des Deutschen Kulturverbands Region Brünn, verstaubt und vollkommen unberührt von Brünner Moderne, was hier schon ein Phänomen, dann, ein kleines Stück weiter, geht's schon zur Kraví hora hinauf, von dort in den Wilson-Wood, und im Süden ist man schon am Komenius-Platz, Joštova/Česka, wo ich stundenlang sitzen könnte, das Treiben von Fußgängern und Straßenbahnen genießend, das schöne Licht in den Bäumen, den Blick zur Burg hinauf, von der das leise Bim der Glocke alle Viertelstunde verlässlich den Takt gibt durch den Tag. Musil hat hier (Jaselská) in seinen Studententagen gelebt, und Karel Čapek als Gymnasiast bei seiner Schwester gewohnt, verraten die Plaketten, und wer weiß, welche/r jetzt durch die Straßen Gehende in der Zukunft eine Gedenktafel an einem der Häuser erhält?

* Ein Gedicht von Ivan Blatný, aus der Hilfsschule Bixley (übersetzt von Jan Faktor und Annette Simon, Edition Korrespondenzen 2018).