Minobé pflegte oft dazusitzen und die alte Umé minutenlang anzustarren, als betrachte er ein Modell für seine Bilder. Das Haar auf ihrem Kopf war nur noch Flaum, aber an den Seiten wuchs es in dichten weißen Büscheln; auch ihre Brauen waren weiß und buschig. Sie hatte ein ovales Gesicht mit tiefliegenden Augen, einer Adlernase und einem kleinen, feinen Kinn. Man konnte sich gut vorstellen, daß es einmal ein schönes Gesicht gewesen war. In der letzten Zeit bekam sie Sommersprossen von der Stirn bis zum Scheitel.
Nach einer Weile fühlte Umé sich beobachtet und begann verlegen zu lachen. Dann wandte sie sich ab und starrte in die Ferne, als wäre sie völlig allein. Für Minobé hatte Umés instinktive Reaktion etwas fast Erschreckendes. Sie erinnerte ihn an Tiere, die von einem Augenblick zum anderen den menschlichen Betrachter völlig ignorieren können. Er meinte, daß nur jemand, der eine unendliche Anzahl von Jahren gelebt hat, einer Gebärde so seltsamer, fast unmenschlicher Reserviertheit fähig war, die man sich weder durch bewußtes Einstudieren noch durch Nachahmen aneignen konnte.
Das verhaßte Alter. Erzählungen