»Nun muss ich Ihnen etwas zu meinem neuen Buch sagen und Ihnen erklären, wie es zur Verspätung der Manuskriptabgabe kam. Der Grund ist denkbar einfach, man kann ihn ganz leicht nachvollziehen, auch wenn er manchem fern erscheinen mag. Diesen Winter, lieber Bompiani, zwischen Dezember und den ersten Februartagen, war ich nie zu Hause, außer zum Schlafen, denn in meinem Zimmer sank die Temperatur bis auf drei Grad unter null. Ich ging in ein Hotelzimmer, wo meine Eltern ihr Quartier haben, dort konnte ich mich aufwärmen, aber nicht arbeiten. Wenn ich noch meine Freunde von einst hier gehabt hätte, hätte es eine Lösung gegeben: Ich wäre zu ihnen gegangen, um dort zu arbeiten. Aber sie sind nicht mehr da. Da inzwischen die Temperaturen gestiegen sind, kann ich mich wieder zu Hause aufhalten, und seit ein paar Tagen habe ich erneut begonnen zu arbeiten. Ich bereite einige Abschriften meiner Erzählungen vor, beende die, die ich habe liegen lassen, und schicke Ihnen alles. Dieses Mal habe ich keine Befürchtung, die Vereinbarung nicht einhalten zu können und verspreche Ihnen die Abgabe bis Ende März. Ihren Scheck habe ich selbstverständlich erhalten; ich habe Ihnen bereits gedankt und tue es mit Freuden gern noch einmal. Ich wünsche mir, dass dies das letzte Mal ist, dass Sie derartigen Ärger mit mir haben. Ich bin in schwierigen Zeiten groß geworden, und ich erinnere mich an nichts anderes als Kummer und Sorgen. Seit fünf Jahren fehlt mir hier die Luft zum Arbeiten, ich besaß weder eine Wohnung noch einen Tisch, noch einen Stuhl noch irgendetwas, das mir gehörte. Keinen Frieden und kein Brot. Es war nur natürlich, dass ich mich gehen ließ und oft auch vergaß, irgendwelche Ambitionen gehabt zu haben und mich für eine Zukunft zu wappnen.« [Anna Maria Ortese an den Verleger Valentino Bompiani]
Maike Albath, Bitteres Blau – Neapel und seine Gesichter